Freitag, 30. November 2007

CHINA-TOURNEE

SHANGHAI - Fünf Wochen dauerte die Konzert-Tournee von Stephan Weh und Marcel Dorn durch das Land der Mitte. Ihre Eindrücke und Erlebnisse schildern sie uns in einem Reisebericht.

Chinesische Namen sind für Westler sehr schwer auszusprechen. Darum haben alle Chinesen, die mit Ausländern zu tun haben, englische Kosenamen. Für uns galt diese Regel umgekehrt. Statt Stephan Weh und Marcel Dorn nannten uns dort alle bei unseren chinesischen Künstlernamen „Dabao & Xiaobao“. Die Namen bedeuten älterer und jüngerer Bruder, schließlich wurden wir dort als eine Art Piano-Zwillinge präsentiert. Wir lächelten von haushohen Plakatwänden, Tageszeitungen druckten fleißig unsere Interviews. Wir zierten das Titelblatt von chinesischen Musikmagazinen.

Unsere Tour war voller offizieller Pressekonferenzen, Foto-Shootings, Treffen mit Politikern und Verantwortlichen, Autogrammstunden und Promotion-Auftritten. Desweiteren waren wir auch in bekannte Live-Shows im chinesischen Fernsehen eingeladen. Im Mittelpunkt standen aber natürlich die eigentlichen Konzerte in Städten wie Dalian, Guangzhou (Kanton), Harbin, Nanjing, Shanghai, Shenzhen, Shijiazuang, Wuhu, etc. Auch wenn man als Europäer von so manchem chinesischen Ortsnamen noch nie etwas gehört haben mag, muss man sich doch bewusst sein, dass jede einzelne dieser Städte größer ist als Berlin. Eine Stadt unter 5 Millionen wird in China als Kleinstadt betrachtet.

In Nanjing war unser Konzert offizieller Programmpunkt der Deutschen Woche. Zuvor eröffneten wir mit Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) und Dr. Christian Blüthner-Hässler den Blüthner-Flagship-Store in der Innenstadt. Die Traditionsfirma Blüthner baut seit 1863 Premium-Flügel in Leipzig, Nanjings Partnerstadt. Unser Show-Konzert in Harbin (Nordchina) wurde vom Fernsehen aufgezeichnet und tags darauf gesendet. Ein beeindruckendes Erlebnis hatten wir in Zhenzhou (Zentralchina). Noch bevor wir unsere letzte Zugabe geben konnten, stürmte das begeisterte Publikum die Bühne und wir flüchteten in den absperrbaren VIP-Room. Dort saßen wir erst einmal fest, etwas verwundert über diese unglaubliche Resonanz, während draußen die Leute an die Tür trommelten. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich unser überforderter Manager samt Medienvertretern den Weg durch die erwartungsvolle Fangemeinde gebahnt hatte. Ein paar Presse-Interviews später hatten Ordnungskräfte die Menge wieder unter Kontrolle gebracht.

Generell ist uns aufgefallen, dass chinesische Fans es vor allem auf zwei Dinge abgesehen haben: Eine Unterschrift und ein Foto mit den Stars aus Europa. So mussten wir bei Autogrammstunden natürlich Eintrittskarten, aber auch eine ganze Anzahl Handtaschen, Jacken und sogar Pianos signieren. Da wir beim „Center Court Blues“ mit Tennisbällen Klavier spielen, machten wir uns einen Spaß daraus, die handsignierten Original-Tennisbälle noch während des Konzerts in die lauernde Menge zu werfen. Beim Kampf um die begehrten Trophäen kamen die vielen Kinder im Publikum leider oft zu kurz. Nach der Show bekamen sie dafür weiterere „Original“-Tennisbälle von uns geschenkt. Für ein Foto mit uns warteten die Chinesen so geduldig wie hartnäckig, so dass es öfter zu Rangeleien unter den Fans kam. Wir waren bisweilen recht froh um unser Security-Personal.

In einem chinesischen Konzertsaal ist es nicht so leise, wie man das aus Europa gewöhnt ist. Dies liegt mitunter am relativ jungen Publikum. In China zählt das (Einzel-)Kind alles und so wird dem Nachwuchs auch alles offeriert, was der Geldbeutel nur hergibt. Sei es nun eine VIP-Konzertkarte mit einem Sitzplatz AUF der Bühne (direkt neben Dabao & Xiaobao) oder sogar der private Einzel-Klavierunterricht mit dem Star persönlich am Tag danach. Nett fanden wir es immer, wenn Kinder uns während des Konzerts Blumen auf die Bühne brachten und dafür die Mutti ein Foto mit uns und dem Kleinen machen durfte. Die schönsten Momente waren meist, als die Leute zur romantisch-ruhigen Zugabe statt mit Feuerzeugen mit ihren leuchtenden Handys winkten.




DAS TOTALITÄRE SYSTEM

Bereits im Vorfeld der Tournee bekamen wir zu spüren, dass wir auf dem Weg in ein totalitär regiertes Land waren. Für unsere fünfwöchige Tournee bekamen wir vom chinesischen Konsulat in München ohne Angabe von Gründen lediglich ein Visum für zwei Wochen. Proteste dagegen blieben erfolglos. Es war noch die Zeit der angespannten deutsch-chinesischen Verhältnisse, ausgelöst durch das Treffen von Bundeskanzlerin Merkel mit dem Dalai-Lama. Trotzdem flogen wir nach China und unser Management versuchte unser Visum vor Ort zu verlängern, was auch glücklicherweise kurz vor Fristablauf klappte. Außer einem verschmitzten Lächeln unserer Begleiter erfuhren wir leider keinerlei Hintergründe.

Immer wieder auf unserer Konzertreise durch das Land der Mitte wurden für uns Treffen mit Politikern der Kommunistischen Partei organisiert. Die alleinige Gesprächsführung hatte dabei unser chinesisches Management. Wir zwei Pianisten beschränkten uns auf die übliche Nettiquette in China: Händeschütteln, Verbeugen, Lächeln. Wir hatten ein wenig den Eindruck, dass ohne den Segen der Partei eine derartige Tournee nicht, oder zumindest nicht so einfach durchzuführen sei. Den von unserem Management geäußerten Vorschlag, Mao-Lieder ins Programm aufzunehmen, lehnten wir (unter musikalischen Vorwänden) ab. Mit Mao-Kritik in der Öffentlichkeit oder auch schon hinter vorgehaltener Hand sollte man sich in China zurückhalten.

Weitere Tabu-Themen, bei denen das Gespräch schnell einsilbig wurde, sind natürlich der Dalai-Lama, Tibet, Taiwan oder das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, etc. Der einzige Chinese, mit dem man einigermaßen aufgeschlossen über politische Dinge reden konnte, war unser Dolmetscher. Er war oft in den Westen gereist und offen gegenüber der abendländischen Kultur. Dies bedeutete jedoch nicht, dass er unserer Meinung war. Auch er vertrat die offizielle chinesische Partei-Haltung in diesen Fragen, billigte uns aber wenigstens eine eigene Meinung zu. Diese in China jedoch öffentlich zu äußern, riet er uns dringend ab.

Umso kurioser war für uns daher die folgende Situation etwa zur Halbzeit der Tournee. Für sechs Uhr morgens war unser Team in der Sheraton-Hotel-Lobby in Nanjing verabredet, um die Frühmaschine in die nächste Stadt zu nehmen. Jedoch war unser Dolmetscher spurlos verschwunden, sein Hotel-Zimmer unberührt. Wir alle machten uns ernsthaft Sorgen um ihn. Die Kriminalität ist in China nicht besonders hoch, aber es gibt sie. Um den Flieger noch zu erwischen, mussten wir eine kurzfristige Suchaktion abbrechen. Zahlreiche Telefonate später, es war mittlerweile Abend geworden und wir standen schon wieder auf der Bühne einer anderen Stadt, stellte sich heraus, wo unser Dolmetscher war: im Gefängnis.

Er hatte sich nachts in ein Bordell begeben und war dabei in eine Polizei-Razzia geraten. Prostitution ist in China offiziell verboten, wird aber verdeckt dennoch praktiziert. Somit mussten wir unsere Tour mit jeweils vor Ort organisierten Lokal-Dolmetschern fortsetzen. Nach drei Wochen konnten wir noch einmal mit ihm telefonieren. Er war ohne Gerichtsverfahren inhaftiert worden und man hatte ihm den Kopf kahl geschoren. Mittlerweile befand er sich wieder auf freiem Fuß. Die Bestechungssumme, die der örtliche Konzertveranstalter bezahlt hatte, musste er bei diesem durch Übersetzungsdienste abarbeiten. Zu unserer Überraschung wich unser linientreuer System-Anhänger auch nach seinem Gefängnisaufenthalt von seiner positiven Einstellung zu seinem totalitären Heimatstaat keinen Millimeter ab.

LAND & LEUTE

Mit 1,2 Milliarden Menschen ist China das bevölkerungsreichste Land der Erde und auch geographisch sehr abwechslungsreich. Auf unserer Tour erlebten wir die ganze Bandbreite Chinas: Von der tropischen Insel Hainan, bis in die ungemütliche Mandschurei, an der Grenze zu Sibirien. Einzig das tibetische Hochland mussten wir auslassen. Der schönste Ort war in unseren Augen Sanya, die südlichste Stadt Chinas. Der chice Urlaubsort wird gerne von Frischvermählten für die Flitterwochen angeflogen. Um ins Ausland zu reisen, fehlen ihnen die Papiere. So ist der Ort voll von chinesischen Brautpaaren aus der Oberschicht. Die reine Apokalypse erlebten wir dagegen im flachen Hinterland um Yancheng. Luft, Land, Leute, alles grau durch massive Umweltverschmutzung. Nicht einmal auf dem Hotelzimmer konnten wir unbeschwert atmen. Die Bewohner dort taten uns aufrichtig leid.

Die Fortbewegungsmittel waren recht unterschiedlich: mal im eigens bedruckten Tour-Bus, mal mit der Bahn, mal mit dem neuen Mercedes SL vom Chef (inklusive Chauffeur). Meistens saßen wir jedoch im Flieger, eindeutig die angenehmste Art zu Reisen, wenn nicht gerade der Blitz in den Flügel einschlägt, wie auf der Strecke Beijing-Dalian geschehen. Unterhaltsam war dagegen das Bordprogramm. Selbst auf kurzen 2-h-Flügen animierten die Stewardessen alle Reisenden zu gemeinsamer Am-Platz-Gymnastik. Am Boden konnten wir uns jederzeit frei bewegen – auch wenn wir dazu wenig Zeit hatten. Zum Entsetzen unseres Managements nahmen wir einmal ganz bewusst einen öffentlichen Bus im Großstadt-Dschungel. Schnell waren wir im chinesischen Alltag der Menschen verloren gegangen, den wir ja gerade kennenlernen wollten. Mit etwas Glück und ein paar aufgeschnappten Brocken chinesisch kamen wir auf Umwegen aber wieder ins sichere Hotel zurück.

Sehr gewöhnungsbedürftig ist das Essen in China. Hunde und Katzen bekamen wir zwar nicht vorgesetzt, jedoch Schildkröte, Krabbe, Aal, Schlange, Skorpion und auch die umstrittene Haifischflossensuppe. Erst nach unserer Rückkehr erfuhren wir aus den Medien, dass derzeit besonders viele Haie ihr Leben lassen müssen für diese bei der asiatischen Oberschicht beliebte und eigentlich nach nichts schmeckende Delikatesse. Der Chinese isst gerne frisch und frisch heißt: mit Kopf. Somit blickt einem oft genug jede mögliche Fleisch- und Fischart vom Teller aus direkt ins Auge. Da wird man schnell zum Vegetarier, was aber ebenfalls einen Pferdefuss hat. Aufgrund der hohen Pestizid-Belastung in der Landwirtschaft, wird offiziell geraten z.B. auch Tomaten und Trauben vor dem Verzehr zu schälen.

Die reine Verzweiflung führt einen immer wieder zum allseits beliebten Mae Dong Lau, wie Mc Donald´s in China genannt wird. Pizza und Sushi erobern sich hingegen erst langsam kleinere Fangemeinden. Das liegt zum einen an der verbreiteten Laktose-Unverträglichkeit, zum anderen an der Japan-Feindlichkeit in China. Schwierig bis unmöglich zu bekommen ist ein guter Kaffee. Dafür wartet der Chinese zu jeder Tages- und Nachtzeit mit einem Kännchen grünen Tees auf. Nur durch Ausprobieren und die darauf folgende Reaktion der Tischnachbarn kann man übrigens die Tee-Schüssel von der Nudelsuppen-Schüssel unterscheiden, wie wir feststellen mussten.

Sehr interessant war auch unsere Abendgestaltung, wenn wir nicht gerade ein Konzert geben mussten. Äußerst populär sind die sogenannten KTVs. Das sind Räumlichkeiten, in denen man in geschlossener Gesellschaft trinken, essen und Karaoke singen kann. Auf diesem Wege lernten wir auch „Bruder Jakob“ auf chinesisch zu singen, was wir bei Gelegenheit auch auf der Bühne zum Besten gaben. Beim Publikum war diese Einlage äußerst beliebt. Oft sang der gesamte Konzertsaal mit.